Band

ESCHENBACH (2015)

Die Szene verlangt nach Antworten und die Antwort ist klar: ESCHENBACH! Zumindest, so lange die passenden Fragen gestellt werden. Die, in denen es um den Wert von Loyalität und Konsequenz geht, um das Festhalten an der künstlerischen Vision und den unbedingten Willen, sich von Widrigkeiten nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Und nicht zuletzt die, die sich darum dreht, wer aus dem beliebig gewordenen Einheitsbrei heraus ragen will, der sich „Deutschrock“ nennt. Touren mit „großen Nummern“ und Szenegrößen wie Stephan Weidner (Ex-Böhse Onkelz, jetzt DER W), Pro-Pain oder Toxpack, Festivalauftritte in Wacken und dem Serengeti-Festival zeigen, dass die Band nicht nur willens, sondern vor allem auch fähig ist, ihre Hymnen ohne Rücksicht auf Verluste unters Volk zu bringen. Eine Attitude, die ankommt und immer größere Kreise zieht.

Schön, dass es das noch gibt. Diese klassische Rock´n´Roll-Geschichte von zwei Jungs, einer Gitarre, einem Traum und – einem Telefon. Als die Jugendfreunde Philip Eschenbach und Ben Tewaag 2006 bei dem Frankfurter Label 3R (bei dem unter anderem DER W und die dänischen Rocklegenden D-A-D heimisch waren) anklopfen, ob sie mal ein paar Demos ihrer Band „Ultima Ratio Regis“ vorbei schicken können, haben sie nicht viel mehr als ihren Enthusiasmus und zwei rudimentäre Songideen in der Tasche. „Russisch Roulette“ hieß eine Nummer und klang zwar groovig, aber noch halbfertig, und ein Song, der sich mit Schulmassakern beschäftigte und mehr wütend ins Mikro gebellt als gesungen war. Und dann war da noch dieses penetrante, aber authentische und absolut begeisternde Nervpotenzial von Sänger Tewaag, der seine Band als den truesten Kram anprieß, der aktuell zu haben sei. Wütend, ehrlich, authentisch eben. Und roh, das auch. No bullshit, einfach alte Punkattitude, scheiß auf alles, einfach machen. Und er werde nicht locker lassen, bis sich nicht irgendwer die Sache angehört und sich mit ihnen getroffen hätte. Einen Monat nach dem ersten Anruf saßen zwei betont selbstbewusste, in Wirklichkeit aber ziemlich nervöse „Ultima Ratio Regis“-Musiker tatsächlich im Büro einer echten Plattenfirma, zwei Stunden später war der Plattendeal mündlich besiegelt und wenige Wochen später hatten Tewaag und Eschenbach Musiker gefunden, die sie mit auf eine Supporttour für die Crossover-Helden DOG EAT DOG schleppen konnten.

Im Gepäck: Fünf oder sechs Songs und viel Adrenalin. Zu viel davon, wie sich noch vor den Aufnahmen zum Debüt heraus stellt: Tewaag wirft sich selbst aus der Band oder wird vom Staat auf die Ersatzbank gesetzt, so genau lässt sich das nicht mehr rekonstruieren. Die erste schwere Erschütterung des Ultima Ratio Regis-Lineups, das inzwischen um den Schlagzeugweltrekordler und Ex-Dog Eat Dog-Percussionist Nils Berger hochkarätig ergänzt wurde. Als die Band 2008 ins Frankfurter studio23 geht, um unter der Regie von Stephan Weidner und Michael Mainx (Böhse Onkelz, D-A-D, Tankard, Yen) ihr erstes Album einzuspielen, gibt es zwei große Probleme: Der Bandname ist scheiße und der Sänger ist weg. Für beides gibt es schnell Lösungen im unmittelbaren Umfeld der Band: Man heißt fortan einfach so, wie das verbliebene Gründungsmitglied und fürs Mikro wird nach einem kleinen Casting ein alter Freund aus Münchener Tagen gestellt, der sich schnell als Volltreffer erweist: Riitchy Schwarz, Bayer mit asiatischen Wurzeln, schwarzen Haaren und dunkler Stimme steht ab sofort am Mikro und schreibt schon einige Texte fürs selbstbetitelte Debüt.

„Eschenbach“ wird aus der Not zu einem Projekt: Spannende Kooperationen mit prominenten Namen aus der heimischen Musik- und Krawallszene lassen das Album dennoch zu einem Erfolg werden, ein Charteinstieg auf Platz 83 ist die Konsequenz. Für Ben Tewaag schließt sich der Kreis, indem er noch zwei Stücke (u.a. „Russisch Roulette“, mit dem damals alles anfing) einsingt, Nina C. Alice, enge Freundin von Lemmy und Sängerin der Berliner Institution SKEW SISKIN haucht „Bist du Deutschland?“ einen dreckigen Rock´n´Roll-Odem ein, dazu sind Mentor Weidner und die Sängerin Yen auf dem Album zu hören: Der Durchhaltewillen der ESCHENBACH-Kernbesatzung um Gitarrist und Mastermind Philip Eschenbach, Sänger Riitchy Schwarz und Drummer Nils Berger wird nicht nur mit einem Charteinstieg sondern auch spannenden Kritiken und vielen Konzerten reich belohnt. Was die Band kann, wie sie wirklich klingen möchte und was die Fans zu einer homogenen und auf den Punkt motivierten Masse hat werden lassen, steht dann aber erst Anfang 2012 in den Regalen: „Alles in Allem“, das Zweitwerk, der Fingerzeig und der Ritterschlag, die Emanzipation kratzt aus dem Stand an den Top 50 und wurde bis heute knapp 5000 mal verkauft. Damit bewegen sich ESCHENBACH in einer Liga, in der nicht viele mit dieser Vita spielen können.

Was folgt, sind weitere Shows: Als Headliner, als Co-Headliner mit den Berliner Streetcore-Veteranen TOXPACK und mal wieder Supportgigs mit DER W, der Band von Mentor und Freund Stephan Weidner. Dazu beackern ESCHENBACH die Bretter beim WACKEN:OPEN:AIR und anderen Festivals und sammelt einen Haufen Routine. Aber die von der guten Sorte. Die, mit der man die Wut, das Gefühl und eben den gesamten Geist der Band aus dem Studio in die Livesituation zerren kann. Dort wird die Band schon seit längerem von Martin Fahrnholz (Bass) und Felix Gebauer (Gitarre) unterstützt, die Einheit scheint gefestigt und das Schiff auf Kurs. Zum ersten Mal in der wilden, kreativen und immer etwas explosiven Bandgeschichte. Das Jahr 2012 war gut zu ESCHENBACH.

2013 dreht sich das Personalkarussell aber wieder einmal: Drummer Nils Berger, Taktgeber, Schlagzahlerhöher und böser Blickfang der Band, verlässt ESCHENBACH und widmet sich fortan anderen Projekten. Ersetzt wird er abermals von einem alten Bekannten: Die letzte Show des Jahres (zusammen mit TOXPACK und den NYHC-Heroen PRO-PAIN) trommelt Manuel Di Camillo und wird die Stöcke so schnell nicht mehr hergeben. Münchner, klar, studierter Jazz-Musiker und bereits für Bands wie EISBRECHER und EQUILIBRIUM hinter den Kesseln. Technisch eine Koryphäe, mit reichlich Erfahrung, menschlich über alle Zweifel erhaben. Auf alle Fälle einer, der der Band gut tut.

Heute sind ESCHENBACH an einem spannenden Punkt ihrer Karriere angelangt: Routiniert durch zahlreiche Shows als Headliner und Support, kleiner Schuppen oder großer Club, aber noch so hungrig wie am ersten Tag. Es gilt, noch viele gereckte Fäuste zu provozieren, viele Bühnen zu erobern und so viel Schweiß ist noch zu vergießen. Noch sind ESCHENBACH dabei, weiter Fahrt aufzunehmen – nicht mehr lange, dann ist diese Streitmacht in voller Fahrt. Wer jetzt noch aufspringen möchte, sollte die Gelegenheit nutzen. Denn mit DIVIDE ET IMPERA starten ESCHENBACH im Herbst 2015 dann endlich wieder in einen neuen Frühling: Das Line-Up steht, mit Tapereturn Recordz gibt es eine neue musikalische Heimat und die 5 Stücke sind der fehlende Link zwischen Vergangenheit und Zukunft. Egal, wohin der Wind weht: ESCHENBACH haben wieder Segel gesetzt und nehmen Fahrt auf. Der Kompass zeigt auf Leben!